Red, Yellow and Orange

Der erste Blick am Morgen geht nach draußen. Es ist immer noch grau, aber es regnet wenigstens nicht mehr. Ein Frühstück entfällt, das Hoteleigene Lokal macht erst später auf, da sind wir schon unterwegs.

Aber das ist heute kein Problem, wir haben eine Alternative. Denn Sandy hatte unterwegs eine Werbetafel entdeckt, auf der eine deutsche Bäckerei Werbung macht. Und diese Bäckerei befindet sich in Orderville, das auf unserem Weg liegt.

Als allererstes machen wir uns aber auf die Suche nach der Bisonherde unserer Ranch. Denn die lassen sich auch heute Morgen nicht blicken, und das Gelände, auf dem sie sich befinden können, ist hügelig und riesig. Schließlich finden wir sie tatsächlich am hinteren Ende des Gatters, etwas versteckt zwischen ein paar Bäumen.

In der Hoffnung, dass es keine Probleme mit Überschwemmungen gibt, machen wir uns nach ein paar Fotos nun auf Tour. Die flashflood-Warnungsseiten im Internet weisen auf keine größeren Gefahren hin, also verlassen wir uns mal darauf.

Und es ist tatsächlich so, dass wir zwar einige Stellen auf der Strecke entdecken, wo in der Nacht die Straße überschwemmt war, aber es sind nur kurze Strecken voll Schlamm und Dreck. Die größte Gefahr ist die, dass unser Fury einen sehr schmutzigen Unterboden bekommt.

Unsere heutige Route

In Orderville halten wir nach der Bäckerei Forscher Ausschau und finden sie am für uns „hinteren“ Ende des Ortes. Ein schmuckes Holzhaus mit Schotterparkplatz davor lädt zum Halten ein.

Eine Schiefertafel zeigt, was man hier frühstücken kann: ein „German Breakfast“ mit gekochtem und Schwarzwälder Schinken, Käse, Tomate, Mozzarella, Butter und deutschem Brötchen (verschiedene Sorten zur Auswahl). Das muss es heute mal sein, dazu eine Tasse Kaffee… Genüßlich verschnabulieren wir alles bis auf den fürs Auge beigefügten Rucola-Salat (ohne Dressing). Es schmeckt herrlich!

Dann geht es weiter. Allerdings verlassen wir den Highway nach Norden bald, um einen Umweg zu fahren. An der Strecke liegt nämlich ein Gebiet, das sich „Cedar Breaks“ nennt. Es handelt sich dabei um ein National Monument, das sich als „kleinen Bruder“ unseres heutigen Ziels betrachtet. Die Strecke kann man zwar im Internet abfahren, aber von der eigentlichen Sehenswürdigkeit sieht man dabei nichts. Die Beschreibung allerdings ist vielversprechend und gleichzeitig „bedrohlich“, denn es wird gewarnt, dass es hier auch im Hochsommer oft nur 15-20 Grad warm ist. Und heute ist es ja schon „unten“ nur so 20 Grad warm.

Trotzdem fahren wir vom Highway ab und folgen der Straße Nr. 14, die sich langsam die Hügel hinaufwindet. Je höher wir kommen, desto herbstlicher wird es. Während am Highway unten die Bäume noch grün sind, haben hier die Birken bereits strahlend gelbe Blätter.

Schließlich kommen wir an die Abzweigung, die uns direkt zum Monument führen soll. Kaum abgebogen, sehen wir – nichts mehr. Denn hier liegt Nebel über der Straße, oder besser gesagt tiefliegende Wolken. Mit einer Sicht von 20 m macht das Fahren keinen Spaß, und ich bin schon drauf und dran zu drehen und zurück zu fahren, da wird die Sicht besser. Von Sonne ist aber weiterhin keine Spur.

Meile um Meile fahren wir nun durch bewaldete Hügel, immer höher führt die Straße. Endlich erreichen wir den Parkplatz des National Monuments. Eine kleine Hütte beherbergt einen Ranger, bei dem man eigentlich Eintritt bezahlen soll. Nun, wir haben ja die Nationalparkkarte, die gilt auch für die National Monuments. Bezahlen müssen wir also nix, aber es fragt auch keiner nach der Karte.

Vom Parkplatz aus geht es einen steilen Pfad auf den Berg. Wir wagen uns trotz der klitschigen Beschaffenheit auf den Weg und kämpfen uns nach oben. Im wahrsten Sinne kämpfen, denn mit jedem Schritt wird die Masse Schlamm, die sich an unseren Schuhen festklammert, größer und schwerer.

Aber wir erreichen den oberen Punkt und haben nun freie Sicht auf das Cedar Breaks National Monument. Es handelt sich um einen großen halbkreisförmigen Bergabbruch, bei dem sich im Laufe der Jahrhunderte durch Wind, Wasser und Temperaturwechsel bizarre Figuren aus dem Gestein gebildet haben. Sicherlich ist die Gegend nicht so beeindruckend wie das, was uns noch bevorsteht, aber es gibt schon einen interessanten Eindruck.

Absicherungen gibt es wie üblich keine, der Untergrund ist felsig und schlammig und rutschig. Dazu ist es windig, schon fast stürmisch, und die Temperaturen sind auch nicht gerade hochsommerlich. Daher verzichten wir auf einen Gang entlang des Rims, sondern rutschen, schlittern und klettern den Weg wieder nach unten, wo wir ¾ der mindestens 2 kg Schlamm pro Fuß an Steinen und Holzbalken abstreifen, um dann die vorhandenen Pfützen für ein Schuhbad zu nutzen. Denn mit so schmutzigen Schuhen können wir nicht in unseren Fury steigen.

Solche schmutzigen Schuhe können wir unserem Fury nicht zumuten.

Die vorgesehene Reinigungsbürste versagt…

Noch ein kurzer Besuch im Visitor Center, das sich in einer zweiten Hütte befindet, um unsere Nationalparksammelpässe zu stempeln, dann fahren wir weiter. Um gleich darauf an einem Vista Point an der Straße noch einmal anzuhalten.

Das Visitor Center

Einer unserer Nationalparkpässe.

Wir halten noch kurz am nächsten Vista Point, wo es sich Sandy trotz des kalten und kräftigen Windes nicht nehmen lässt, weitere Fotos zu knipsen.

Jetzt geht es endgültig auf unser Tagesziel zu. Je näher wir ihm kommen, desto besser wird das Wetter. Die Wolken brechen auf und tatsächlich: es gibt noch blauen Himmel dahinter. Und die Sonne lebt auch noch.

Das Herbstlaub in dieser Höhe ist einfach überwältigend.

Als wir an unserer nächsten Station ankommen, dem „Red Canyon“ am UT12 Scenic Byway, ist das Wetter wieder wunderschön: sonnig, warm (aber nicht heiß), blauer Himmel mit gelegentlichen Wölkchen.

Daher halten wir auch wie geplant und vertreten uns ein wenig die Beine auf dem Photo Trail und dem Golden Wall Trail. Die roten und gelben Formationen bieten interessante Fotomotive.

Reste vom nächtlichen Regen (beim Rückweg war nichts mehr zu sehen)

Ein Alligator?

Das Visitor Center lassen wir heute ausnahmsweise aus. Übermorgen fahren wir die gleiche Strecke wieder zurück, und da ist dann noch Zeit genug, unser Büchlein zu stempeln.

Dann endlich sehen wir den Hinweis auf den „Bryce Canyon Airport“. Jetzt sind es nur noch wenige Meter bis zur Abzweigung zum Bryce Canyon, auch wenn dieser noch etliche Meilen entfernt liegt.

Wir nutzen die Gelegenheit und tanken noch einmal, dann fahren wir zum Eingang und zeigen unseren Nationalparkpass vor. Wie üblich erhalten wir die Parkinformationen, der Ranger wünscht uns einen schönen Aufenthalt, und dann sind wir offiziell Parkbesucher. Ein Stopp am Visitor Center ist obligatorisch, ein weiterer Stempel ziert kurz darauf unsere Pässe.

Eingebucht sind wir heute in der Bryce Canyon Lodge, dem einzigen Hotel IM Park. Also fahren wir gleich dorthin. Leider besitzt die Lodge keinen Fahrstuhl und wir haben unser Zimmer in der oberen Etage im Haupthaus. Das ist also wieder ein ziemliches Geschleppe, bis alle unsere Sachen oben sind. Immerhin rentiert sich das heute, denn wir haben hier für zwei Nächte gebucht.

Unser Zimmer ist nett, aber klein, es gibt nur ein Bett in Queensize, während wir bisher entweder jeder ein Queensize- oder zusammen ein Kingsize-Bett hatten. Das wird noch lustig werden. Eine Klimaanlage müssen wir heute nicht neu einstellen, denn es gibt nur Naturklima – ein Fenster zum Öffnen mit Fliegengitter gegen ungewollte Mitbewohner. Ich finde das richtig angenehm.

Und dann sind wir soweit und können uns zur wirklichen Attraktion der Gegend begeben. Ein kurzer Hundertfünfzig-Meter-Spaziergang führt uns von der Lodge direkt zum Bryce Canyon.

Für mich ist das hier ja kein Neuland, ich weiß genau, was mich erwartet, aber Sandy verschlägt es trotz aller vorbereitenden Internetrecherchen erst einmal die Sprache. Selbst die schönsten Fotos können einem nicht auf den Eindruck vorbereiten, den diese Märchenlandschaft hinterlässt. Beschreiben kann man das sowieso nicht.

Mein letzter Besuch hier war im Dezember, und es hatte Schnee. Davon schwärme ich Sandy vor, denn der weiße Schnee auf den rötlichen Hoodoos sah einfach zauberhaft aus, jede kleine Unebenheit, jeder kleiner Vorsprung im Felsen war weiß gepudert und das betonte die Formen noch stärker. Aber auch so ist Bryce einfach ein Wunderwerk der Natur.

Wir bleiben heute nur in der Gegend des Sunset-Points. Das Wechselspiel der Wolken zusammen mit der langsam tiefer sinkenden Sonne verändern die Schattenspiele der Hoodoos ständig, es wird nicht langweilig, dies zu beobachten. Einige Namen der Felsformen kenne ich noch, das „Sinking Ship“ ist genauso eindeutig wie „Thors Hammer“. Andere Formationen mögen einen Namen haben, den wir aber nicht kennen. So bleibt es uns frei, eigene Namen zu erfinden.

Hinten in der Mitte: Das „Sinking Ship“

Schließlich verschwindet die Sonne immer öfter wieder hinter Wolken und es wird kalt und windig. Zurück im Hotel fragen wir nach einem Tisch im Restaurant, es soll ungefähr 45 Minuten dauern, bis einer frei ist. Wir erhalten eine Art Piepser, mit dem wir informiert werden, wenn es soweit ist, dann gehen wir in den großen Souvenirshop neben der Lobby und stöbern.

Der Piepser meldet sich schon relativ schnell und wir können unsere Abendmahlzeit einnehmen.

Aus dem geplanten Nachtbesuch an der Rim wird es nichts, es ist einfach zu ungemütlich draußen. Stattdessen machen wir uns bettfertig und überspielen dann die letzten Fotos auf den Speicher. Im CD-Player unseres Zimmers befindet sich eine esoterische Indianermusik, die lassen wir dabei laufen. Voll entspannend.

So entspannend, dass wir total albern werden. Eigentlich habe ich mich schon zum Schlafen umgelegt, als Sandy einen komplett doofen Kommentar ablässt, worauf mir eine noch doofere Antwort einfällt, und so geht es über mindestens eine halbe Stunde, bis ich vor Lachen und Kichern schon Seitenstechen habe. Dann endlich sind wir beide fertig für den Tag…

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