Hoodoos and Rocks

Die Nacht ist unruhig. Sandy bezeichnet sich selbst als „Querschläfer“, und seit dieser Nacht kann ich das bestätigen. Während sie nach und nach die Diagonale unseres Bettes erobert, darf ich mich auf einem kleinen Fleck zusammendrücken. Nun ja, sie schläft sehr fest und so kann ich sie ohne Wecken wieder auf ihre Bettseite zurückschieben.

Allerdings ist die Nacht so für mich nicht wirklich erholsam, und ich komme am Morgen nur schwer in die Gänge. Heute ist Sandy daher vor mir auf und checkt das Wetter. Der Blick aus dem Fenster bestätigt: es ist klar, und es ist kurz vor Sonnenaufgang. Sandy ist ratzfatz fertig und eilt nach draußen zum Sunrise Point, während ich mich noch in die Klamotten quäle.

Sie ist noch keine zwei Minuten weg, da piepst mein Handy. „Was hat sie denn jetzt vergessen?“ rätsle ich. Dann lese ich den Text… „Es hat geschneit!“ steht da. Ich schaue aus dem Fenster und tatsächlich, auf den Seitendächern des Innenhofs liegt Schnee.

Kamera schnappen, Jacke anziehen und raus. Es ist spitzenmäßig kalt. Die Luft ist klar, die Sicht ist gut. Ideale Foto-Voraussetzungen.

Auf dem Weg zum Rim.

Wie erwartet, entdecke ich Sandy am Sunrise Point.

Scherenschnitt-Sandy

Der Sonnenaufgang am Sunrise Point lässt die Felsen glühen.

Es ist eiskalt, aber einfach genial! Die Stimmung ist super und so gehen wir in der Lodge noch gemütlich frühstücken, bevor wir unsere Tour durch den Park starten.

Leider erwischen wir einen äußerst sonderbaren Kellner. Wir haben einen Platz am Fenster bekommen und als wir ihm sagen, dass es dort ordentlich zieht, grinst er nur grenz-debil und meint, dass das halt ein seeeeehr altes Haus sei, weil ja in den 1920er Jahren erbaut. Dass wir als Deutsche von einem hundertjährigen Haus jetzt nicht wirklich beeindruckt sind (wenn man überlegt, dass die Burg in Nürnberg um die 1000 Jahre alt ist – für einen Amerikaner unvorstellbar), juckt ihn auch nicht und er labert weiter. Sandy bestellt  Würstchen und bekommt Bacon. Das ist jetzt kein Drama und sie will auch nicht rummotzen, weil ihr der Typ eh so unsympathisch ist (der ist so bissl wie Dschungelcamp-Honey), aber ich spreche ihn drauf an. Und da antwort er dann tatsächlich völlig ironisch, so nach dem Motto „Ach Gott, was für eine Katastrophe!“. Keine Entschuldigung, stattdessen lacht er uns aus. Dann bringt er Sandy auf einem kleinen Teller zwei Würstchen, wovon eins auf den Boden fällt, während er es abstellt. Also kommt er nochmal mit einem einzelnen Würstchen angelatscht. Ein paar Minuten später kommt er dann wieder an und labert irgendwas von wegen „Eigentlich müssten Sie ja jetzt extra zahlen, weil jetzt haben Sie Bacon UND Würstchen!“ *hahahaha* Sandy kann darüber echt nicht lachen. Am liebsten hätte sie ihm „I F**KING HATE BACON!“ ins Gesicht gebrüllt, auch wenn das gar nicht stimmt. Was für ein Klappspaten… und sonderlich lecker was das Frühstück auch nicht…

Dann packen wir die für heute benötigten Sachen und los geht es. Die Straße führt westlich des Rim entlang nach Süden, die ganzen Vista Points befinden sich auf der östlichen Seite. Daher macht es Sinn, bis zum Wendepunkt am Rainbow Point zu fahren, um sich dann von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt vorzuarbeiten.

Der Bryce Canyon mit seinen View Points Kartenquelle: https://www.nps.gov/brca

Wir fahren also so vor uns hin, da ruft Sandy plötzlich: „Pronghorns! Da sind 3 Pronghorns!“ Natürlich ist hier an der Strecke weit und breit keine Haltemöglichkeit, geschweige denn ein Parkplatz. Schade, keine Fotos. Egal, davon lassen wir uns die Stimmung nicht vermiesen.

Langsam steigt die Straße an, je höher wir kommen, desto dichter wird die Schneedecke, bis wir schließlich kurz vor dem Wendepunkt quasi durch ein Winterwonderland im September fahren. Die Straße ist allerdings soweit schneefrei, nur an einer Kurve kommen wir ein klein wenig auf einer Eisfläche zum Rutschen.

Die Fernsicht ist ausgezeichnet.

So fahren wir von einem Aussichtspunkt zum nächsten.

Unsere Kugel ist auch wieder dabei.

Bei den „großen“ Aussichtspunkten erfährt man immer, wie hoch man gerade ist. Wenn die Angabe nicht gerade „verschneit“ ist.

Schließlich sind wir wieder am Hotel. Da wir zwei Aussichtspunkte nicht mit dem Auto anfahren dürfen (die Straße ist gesperrt), nehmen wir den nächsten Shuttlebus, der allerdings aus dem Park herausfährt. Wir müssen daher am Visitor Center umsteigen, um dann am Inspiration Point auszusteigen. Von hier aus könnte man theoretisch an den Bryce Point laufen, aber dieser Weg ist derzeit nicht begehbar, es wird ausdrücklich davor gewarnt, ihn zu betreten.

Wir gehen daher auch nur bis zur Absperrung, um ein paar Bilder zu machen. Dann kehren wir um und besuchen den Aussichtspunkt Inspiration Point.

Wir waren hier!

Diese Felsformation taufe ich bei mir „die Akropolis“.

Man kann natürlich auch im Canyon wandern oder reiten oder aber…

… auch die Gegend überfliegen. Suchbild: wer findet den Hubschrauber?

Da isser ja!

Wir laufen also am Rim entlang vom Inspiration Point aus nach Norden Richtung Hotel. Es wird zu einer Art „asiatischem Staffellauf“. Denn wie immer treten die asiatischen Besucher (egal ob chinesisch, japanisch oder sonst was) in Horden auf. Und bis so eine Gruppe dann nacheinander in allen möglichen Konstellationen vor einem bestimmten Baum am Abgrund posiert hat, das dauert. Egal, wie man vorgeht, es ist immer falsch. Lässt man ihnen den Vortritt, hängt man beim nächsten Aussichtspunkt hinter ihnen fest, überholt man sie, so haben sie zu 99,9% keine fotowürdige Stelle im Auge bis auf die, an der man selbst gerade steht. Es ist schon sehr anstrengend…

Blick auf den Inspiration Point

Bryce Canyon Einwohner

Der Weg zum Sunset-Point ist somit sehr kurzweilig und die Strecke wirkt gar nicht so weit. Wir laufen noch ein paar Schleifen des Navajo Trails bis zu der Öffnung im Felsen, von der man einen Blick auf die „Silent City“ werfen kann.

Man kann erkennen, wie steil teilweise der Weg in den Canyon ist.

Thors Hammer

Für eine Komplettbegehung des Trail Loops, für den man ca. 2 Stunden braucht und der mit 550 ft Höhenunterschied ziemlich anstrengend ist, ist es uns heute zu spät.

Stattdessen holen wir Fury und fahren zum North Campground General Store, um uns mit ein paar Kleinigkeiten einzudecken. Ein Besuch des Meadow, wo laut Shuttlebusfahrer eine Kolonie Präriehunde lebt, bleibt ohne Ergebnis, den kleinen Kerlchen scheint es schon zu kalt zu sein.

Wir kommen auf die Idee, die Strecke vom Morgen noch einmal abzufahren und nach den Pronghorns Ausschau zu halten. Und tatsächlich, Sandy entdeckt eines neben der Straße. Wieder genau dort, wo man nicht bzw. nur schlecht halten kann. Dieses Mal fahre ich aber nur bis zum nächsten Vista Point weiter und drehe dort, dann geht es zurück.

Das Pronghorn ist inzwischen weiter gewandert, aber wir entdecken es trotzdem. Und da gerade niemand in der Nähe bzw. kein Auto hinter uns ist, steige ich in die Eisen und fahre Fury scharf in den Graben in der Hoffnung, dass er später auch wieder aus dem Graben herauskommt.

Pronghorn/Gabelbock/Antilocapra Americana

Dass wir tatsächlich Pronghorns sehen bzw. eines fotografieren würden, hätten wir nie gedacht. Eigentlich waren wir eher auf die Präriehunde oder Dickhornschafe eingerichtet, aber die ließen sich ja nicht blicken.

Unser Fury ist ein braves Auto, ohne Probleme klettert er aus dem Graben wieder auf die Straße. Wir sind zufrieden mit dem Tag.

Heute haben wir keine Lust auf ein Dinner im Restaurant. Wir holen uns stattdessen eine frische Pizza aus dem Imbiss am Hotel, die wir gemütlich in unserem Zimmer verspeisen.

Ohne Kicherorgie geht es heute Abend zu Bett. Morgen haben wir wieder einen vollen Tagesplan.

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