Easy Rider

Da wir das vom Hausherrn zubereitete Frühstück, das im Zimmerpreis enthalten ist, nicht ausfallen lassen wollen, können wir heute etwas länger schlafen. Unsere Auswahl trafen wir bereits gestern nach dem Einzug ins Sheridan Inn. Als wir nach unten in den Wohnbereich kommen, sind bereits mehrere Gäste im Frühstückszimmer. Wir setzen uns an einen Tisch etwas abseits und bewundern erneut die geschmackvolle, gepflegte Einrichtung.

Unser Frühstückstisch

Claire fragt nach unseren Wünschen betreffend Getränken und bringt uns dann unsere Frühstücksauswahl, die mexikanisch angehaucht ist und sehr lecker schmeckt. So kann ein Tag beginnen!

Quesadillas mit Lachs und Tomaten

Die saß die ganze Zeit in Sandys Nacken.

Nach dem Frühstück beladen wir unser Auto (es nieselt mal wieder), verabschieden uns von Claire und machen uns auf den Weg.

Wir möchten auf die Historic Route 66, die hier in Williams mit der Interstate 40 identisch ist, weiter im Westen aber von dieser weg einen Bogen nach Nordwesten schlägt, bis sie schließlich in Kingman wieder auf den Freeway trifft.

So folgen wir dem ersten Route66-Sign, das sich aber als Pleite herausstellt. Der Seitenweg führt zwar zu einem angeblichen Route66-Museum, geht aber von dort aus nicht weiter, so dass wir zurück auf die Interstate fahren müssen.

Einige Meilen weiter gibt es erneut einen Abbiegehinweis, und dieser scheint mir vertraut, denn ich bin die Strecke ja per Streetview bereits abgefahren. Und tatsächlich stimmt endlich die Richtung.

Was nun folgt ist so ziemlich die langweiligste Fahrstrecke unserer Reise.

Unser Weg auf der (einem Teilstück ) Historic Route 66 und weiter zum Hoover Dam und Las Vegas

Landstraßencharakter, immer geradeaus, in einer langweiligen Umgebung (Grasland ohne Abwechslung). Dazu Tempomat. Ich glaube, ich hätte das Lenkrad festbinden können und ein Nickerchen machen. Eine riesige Abwechslung sind die ab und an auftauchenden Biker auf der Gegenspur und die seltenen weidenden Kühe. Meile um Meile fahren wir so und ersehnen unseren nächsten Programmpunkt herbei.

Einem Hinweisschild entnehmen wir, dass wir uns wenigstens schon in Hualapai befinden. Ein ödes Örtchen entlang der Straße, bewohnt von den Hualapai-Indianern. Wir entdecken einen Briefkasten und ich halte an, Sandy will noch ein paar Postkarten einwerfen. Und weiter geht es.

Endlich kommen wir in eine Gegend mit Hügeln, und hier irgendwo muss es an der Straße, direkt nach einer Rechtskurve sein: der Keepers of the Wild Nature Park“.

Es handelt sich hier um eine private Organisation, die ehemalige Show-Wildtiere und „echte“ verletzte Wildtiere aufnimmt und betreut sowie nach Möglichkeit später wieder auswildert. Man kann diesen Privatzoo besichtigen, was wir natürlich vorhaben, auch wenn wir zu einer etwas ungünstigen Tageszeit ankommen, nämlich um die Mittagszeit. Die Sonne brennt ganz schön, und die meisten Tiere haben sich zur Siesta zurückgezogen.

Der Parkwächter

Gehege des weißen Tigers

Ein Zebra… – ach nein, ein weißer Tiger

Beweis

Wolf – ein schon älteres Semester

Dinosaurier…

… nicht ganz.

Rotluchs

Nur Grizzlydame Bam Bam hat es sich in ihrem Pool bequem gemacht und planscht fröhlich vor sich hin.

Zu der Bärin schreibt die Homepage der Keepers: „Bam Bam arrived August 28, 2014. An animal trainer purchased her as a cub and used her in entertainment. The animal trainer decided to advance his career and was unable to keep her. Unable to find her a home he was planning to euthanize her. Just days away from being euthanized – Keepers of the Wild was notified of Bam Bam’s fate and we agreed to take her.“
Quelle: http://www.keepersofthewild.org/bear

Am nächsten Programmpunkt in Hackberry wollen wir eigentlich nur kurz Halt machen. Denn hier befindet sich DIE historische ehemalige Tankstelle der Route 66, die jeder Biker kennen sollte. Ursprünglich befand sich in dem Gebäude ein Lebensmittelgeschäft, später besagte Tankstelle. Heute könnte man das Gelände als eine Art „Schrottplatz mit Kultcharakter und besonderem morbiden Charme“ beschreiben. Gerade, als wir ankommen und aussteigen, beginnt es mal wieder zur regnen. Genauer gesagt: zu schütten.

Wir retten uns erst einmal unter das Vordach. Bereits hier gibt es viel zu sehen. Und erst im Laden drin! Man könnte stöbern und kaufen und weiterstöbern. Und fotografieren und staunen. Letzteres tun wir ausgiebig. Man entdeckt aber wirklich bei jedem Blick etwas Neues.

Irgendwie beruhigend…

Nachdem der Regen aufgehört hat, gehen wir wieder nach draußen und schlendern etwas durch das Gelände.

Der ist bestimmt im Bodie geklaut worden.

Schade, dass man hier nicht mehr tanken kann.

Aber schließlich fahren wir weiter, wir haben noch etliche Meilen vor uns.

Die Jungs erleben wohl das „echte“ Route 66-Gefühl.

In Kingman wird der Verkehr dichter, die Zeit der „Wildnis“ ist nun endgültig vorbei. Wir verlassen hier die I-40 und biegen auf den Freeway nach Norden ab, der uns direkt an den Hoover-Dam führt. Bei meinem letzten Besuch in den 80ern gab es die neue Autobahnbrücke noch nicht, damals musste/konnte man noch direkt über den Damm fahren.

„Die Mike O’Callaghan – Pat Tillman Memorial Bridge, auch bekannt unter den Namen ‚Hoover Dam Bypass Bridge‘ und ‚Colorado River Bridge‘, ist eine 2010 eröffnete Bogenbrücke über den Colorado River im Black Canyon. Sie ist 580 m lang und bringt den U.S. Highway 93 in der Nähe der Hoover-Talsperre auf einer Höhe von 270 m von Arizona nach Nevada. Die Brücke war bei ihrer Fertigstellung eine der längsten und höchsten Betonbogenbrücken der westlichen Hemisphäre, sowie die zweithöchste Brücke Amerikas.“
[Quelle: wikipedia]

Wir halten am ersten Parkplatz und steigen den Weg zur und auf die Brücke. Von hier aus hat man einen prächtigen Ausblick auf den Damm.

Mittlerweile ist es bereits Nachmittag, und es wird zeitlich etwas eng, wenn wir noch mehr sehen wollen. Daher machen wir nur ein paar Fotos und kehren dann auf den Parkplatz zurück.

Die Auto- und Personenkontrollen vor dem Damm passieren wir lässig, irgendwie sind die Kontrollen nicht so streng wie im Internet beschrieben.

Wir lassen uns von den Hinweisschildern ins (ebenfalls neue) mehrstöckige Parkhaus neben dem Besucherzentrum leiten und „dürfen“ mal wieder ein paar Dollar dort lassen. Ein Besuch im Visitor Center und dem angeschlossenen Souvenirshop entfällt allerdings, da hier bereits um 17 Uhr geschlossen wird und wir nur wenige Minuten Zeit hätten – was uns natürlich niemals reichen würde.

So geht es für uns direkt an und auf den Damm, der hälftig zu Nevada und hälftig zu Arizona gehört. Leider entfällt aktuell das Kuriosum des Zeitunterschieds zwischen Pacific und Mountain Time dadurch, dass Arizona als einziger Staat KEINE Sommerzeit hat. Zur Zeit haben Arizona und Nevada also die gleiche Tageszeit. Ansonsten kann man sich nämlich breitbeinig mitten auf den Damm stellen und der eine Fuß ist glatt eine Stunde älter als der andere (oder jünger, je nachdem, wie man es sehen will).

Schaut man in der Hälfte des Damms auf der Abflußseite nach unten, wird einem erst bewusst, wie hoch dieses Bauwerk ist (nämlich 221 m).

Der Blick von hier „unten“ auf die Memorial Bridge ist auch nicht der schlechteste.

Auf dem Rückweg zum Parkhaus entdecken wir noch an der Wand eine Gedenkplatte zu Ehren des „Hoover dam mascot“, eines herrenlosen Hundes, der sich den Bauarbeitern anschloss und leider bei einem tragischen Autounfall ums Leben kam. Begraben wurde der Hund unterhalb der Steilwand neben der Dammkrone.

Solche Hinweisschilder haben wir in Deutschland noch nie gesehen… Hier in jeder Etage im Parkhaus.

Die letzten ungefähr 50 km Fahrstrecke liegen vor uns.

Wir durchfahren Boulder City, eine Nachbarstadt von Las Vegas.

Je näher Las Vegas rückt, desto stärker wird der Verkehr. Es ist Feierabendverkehr – und das bedeutet in Las Vegas, dass jetzt das Vergnügen erst losgeht.

Unsere Tussi leitet uns zu unserem Hotel. Wir sind für 2 Nächte im Bellagio eingemietet und nutzen die Gelegenheit für ein letztes Valet-Parking. Wir haben unseren Fury noch eine Nacht und einen halben Tag, dann müssen wir ihn leider zurückgeben.

Unser Hotel bei der Anfahrt

Die Rezeption im Bellagio

Nach dem Einchecken suchen wir unser Zimmer auf, geben der Rezeption Bescheid, und wenige Minuten später bringt uns ein Bellboy unser Gepäck, das so „alles in allem“ aus dem Auto geräumt doch inzwischen recht umfänglich ist.

Unser Ausblick ist so wie gewünscht: volle Sicht auf die Fountains. Unser Bellboy erklärt uns noch, auf welchem TV-Sender wir die Musik hören können, zu der die Fountains tanzen. Als erstes setzen wir uns gemütlich ans Fenster und genießen die Show.

Aber schließlich raffen wir uns noch einmal auf. Wir haben zwar einen gut gefüllten Kühlschrank, aber die Preise für die Knabbereien und Getränke sind wirklich jenseits von Gut und Böse. Ich kann Sandy gerade noch davon abhalten, eine Miniflasche Cola (0,2 l / 8 USD – ohne Steuern) zum Anschauen herauszunehmen. Der Kühlschrank ist nämlich direkt mit der Kasse verbunden und ein Stück herausnehmen bedeutet die sofortige Buchung auf die Zimmerrechnung.

Wir schlendern den Strip entlang nach Norden und suchen ein Lokal, um eine Kleinigkeit zu essen. An der Plaza am The Linq werden wir fündig, italienisches Essen passt uns heute recht gut.

Anschließend gehen wir weiter, unser Ziel ist das „Venetian Hotel“, das wir uns unbedingt einmal von innen ansehen wollen.

Es ist schon ein komisches Gefühl, mitten in der Wüste am Canale Grande entlang zu flanieren.

Wieder fallen uns die vielen kleinen Details auf, die diese Themenhotels so einzigartig machen.

Shopping-Meile im Bellagio

Und ewig zieht sich der Hotelflur…

Gemütlich laufen wir zurück zum Bellagio, genießen noch ein wenig den Fountain-View vom Zimmerfenster aus und entscheiden uns, morgen nicht schon zum Sonnenaufgang nach Henderson zu fahren, sondern erst ein klein wenig später.

Unbedingt Ton anschalten!:

zurück: 28. September 2016

weiter: 30. September 2016

Grandeur and Helicopter

Rechtzeitig weckt uns das Handy, damit wir den Sonnenaufgang nicht verpassen. Erste Amtshandlung des Tages ist daher der Besuch am Rim, bewaffnet mit Handy, Kamera und Stativ. Es sind doch etliche Mitbesucher ebenfalls bereit, früh aufzustehen, aber es gibt kein Gedrängel, der Rand ist weit genug für alle.

Wir stehen vielleicht nicht am idealsten Punkt für einen Sonnenaufgang (hier wären Mather Point oder Hopi Point besser gewesen, aber dazu hätten wir ja unseren Fury bewegen müssen), aber trotzdem ist es wunderschön.

Zurück im Zimmer packen wir unsere Sachen und beladen Fury.

Dann gehen wir frühstücken, und zwar in die Bright Angel Lodge, da wir hier ja sowieso die Schlüsselkarten zurückgeben müssen. Wir bemerken, dass viele Besucher offensichtlich im El Tovar frühstücken wollen, denn irgendwie scheinen wir „gegen den (Besucher-)Strom“ zu schwimmen. Entsprechend wenig los ist im Restaurant der Bright Angel Lodge, und wir sind irgendwie gar nicht böse darum…

Noch ein Besuch im Souvenir Shop, dann machen wir uns auf den Weg. Das Wetter ist heute sosolala, in einem Moment scheint die Sonne, dann wieder zieht eine Regenwolke vorbei und es nieselt. Daher beschließen wir, es auch hier am Canyon mit Shuttlehopping zu versuchen. Also ein Stück an der Rim entlang zu laufen und ggf. den nächsten Shuttlebus zu nehmen, wenn das Wetter schlechter werden sollte. Mit Fury können wir nicht fahren – selbst wenn wir wollten -, denn Richtung Westen ist der Weg für Privat-PKW gesperrt.

Wir wählen den Weg Richtung Hermits Rest.

Vorbei am Trailhead des Bright Angel Trails, der sich deutlich erkennbar in den Canyon schlängelt, wandern wir auf dem Zeitpfad entlang der Rim.

Stopp, Sandy! Willst du wirklich runter an den Colorado River?

Das Wetter ist weiterhin sehr wechselhaft. Im einen Moment scheint die Sonne warm in den Nacken, im nächsten nieselt es. Generell weht ein stetiger Wind, ohne Jacke ist es zeitweise ziemlich unangenehm. Beim Laufen und teilweise Treppensteigen merkt man die Höhe, in der man sich befindet. Man hat zwar irgendwie den Eindruck, auf Meereshöhe zu sein (der Weg zum Canyon führt über eine flache Ebene, die so langsam ansteigt, dass man diesen Anstieg im Auto gar nicht bemerkt) und „in ein riesiges Loch“ zu schauen, aber in Wahrheit befindet man sich ja auf einem riesengroßen „Berg“ und der Canyon selbst ist noch etliche Meter über Meereshöhe. Jedenfalls kommt man schon außer Puste, wenn man nicht aufpasst.

Blick auf das Grand Canyon Village mit El Tovar Hotel (hinten links mit dem Turm) und den Lodges. Vorne das sog. Lookout Studio (das schwarze Gebäude am Abgrund)

Irgendwie muss man die Besucher bewundern, die sich auf den Weg nach unten in den Canyon machen. Runter geht ja noch, was die Atmung betrifft. Aber nach oben? Es geht ja praktisch stetig bergauf, und das über etliche Stunden. Dazu kommt die Wärme, sobald man über die Rimkante ist, lässt der Wind nach, dafür heizen sich die Felswände in der Sonne ziemlich auf. Kein Wunder, dass besonders im Sommer immer wieder Touristen, die ihre Fähigkeiten über- oder die Anstrengung unterschätzt haben, von den Rangern geholt werden müssen.

Bright Angel Trail

Man kann natürlich auch auf Maultieren ins Tal und wieder zurück reiten. Diese Tiere sind nicht nur sehr trittsicher, sondern auch sehr gut ausgebildet, so dass sie als recht sicheres Transportmittel gelten. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass ein stundenlanger Abstieg im Sattel für ungeübte Reiter auch eine ziemliche Qual bedeuten kann (und für das Muli dürfte ein ungeübter Reiter auch nicht gerade ein Vernügen sein).

Ich hatte bei der Planung kurz überlegt, ob …, aber dann nicht nur aus Zeitgründen von einer Mule-Tour-Buchung Abstand genommen.

Es gibt zwar auf dem Angel Trail zwei Schutzhütten, aber bis zur Phantom Ranch am Boden des Grand Canyon keine Übernachtungsmöglichkeit. Wer also nicht im Freien am Wegrand campen will (was eigentlich verboten ist), ist gezwungen, bis zur Ranch zu kommen bis zum Abend. Oder sich halt gar nicht erst auf den Weg zu machen.

Die Hance Rapids aus anderer Perspektive

Wir bleiben bei unserem Shuttlehopping und erreichen schließlich Hermit’s Rest, den westlichsten Punkt der Zivilisation am Canyon South Rim. Von hier aus geht der Weg nur noch für absolute Abenteurer mit Permit weiter.

Neben einem Souvenirladen im Gebäude befindet sich hier ein kleiner Kiosk, bei dem man Hamburger & Co. kaufen kann.

Allerdings ist uns die Warteschlange zu lang, wir halten uns an die mitgenommenen Snacks und genießen lieber die Aussicht, bevor wir den Shuttlebus zurück nehmen.

Noch haben wir etwas Zeit bis zu unserer nächsten „Verabredung“, daher schnappen wir uns Fury und fahren zurück zum Aussichtspunkt „Mather Point“, hier befinden sich das Informationszentrum sowie ein kleines Lokal und ein Museum.

Unterwegs treffen wir die Grand Canyon Railroad, die den Canyon mit dem Örtchen Williams verbindet.

Kaum haben wir einen Parkplatz gefunden, wandert unser Blick nach oben: eine große, fast schwarze Wolke hängt über dem Gebiet. Wir erreichen gerade noch das Zentrum, bevor der Himmel die Schleusen öffnet.

Kurz und heftig ist der Regenguss. Leider lässt er mich das Schlimmste für unser späteres Vorhaben befürchten.

Im Visitor Center

Der Regen ist vorbei und wir können uns endlich auf den Weg zur Aussichtsplattform machen. Bei schönstem Sonnenschein überblicken wir nun mit vielen anderen Besuchern den Canyon. Allerdings treibt der Wind weiterhin dunkle Wolken in unsere Richtung und über uns hinweg.

Da wir in dem kleinen Restaurant wieder eine ziemliche Schlange vor uns hätten, entscheiden wir, uns auf den Weg zu machen. Sicherlich werden wir unterwegs noch eine Burgerbude oder ähnliches finden.

Und wirklich, in Tusayan halten wir an einem großen M und gönnen uns einen Magenfüller. Dann geht es noch ungefähr 2 Meilen weiter, bis wir von der Straße abbiegen und unser Auto am Parkplatz des Flughafens abstellen.

Sandy möchte hier einen auf gemütlich machen, denn eigentlich wir haben noch viel Zeit, bevor wir uns anmelden müssen. Aber ich drängle. Schließlich wollen wir nicht nur einen Helikopterflug machen, sondern haben uns auch für die vorderen Plätze angemeldet. Und hier gilt: first come, first serve. Das sieht auch Sandy ein und wir gehen ins Aviationgebäude. Dort erhalten wir die Auskunft, dass unsere Gesellschaft im zweiten, älteren Flughafengebäude ist, das sich etwas weiter weg befindet. Mit dem angebotenen Shuttle ist der Weg aber schnell gefahren, und wir können uns am Counter melden.

Immer noch weht ein starker Wind, der mehr oder weniger dicke Wolken vor sich hertreibt.

Und tatsächlich werden meine Befürchtungen wahr: unser Flug ist abgesagt! Wir hatten die lange Tour gebucht, die ungefähr 1 Stunde geht und von Süden über den östlichen Teil des Canyons, an der Nordkante entlang und schließlich im westlichen Bereich zurück zum Flughafen gehen sollte. Aber die Flugsicherung hat alle Flüge über den östlichen Teil des Canyons wegen Gewitter und Sturm abgesagt.

Wir haben nun die Wahl:

  1. Wir kommen am nächsten Tag wieder (entfällt, da wir da schon ganz woanders sind),
  2. Wir hoffen auf Wetterbesserung und warten auf den nächsten, späteren Flug (sehr unsicher, ob sich wettertechnisch was ändert),
  3. Wir verzichten und lassen uns das Geld zurück überweisen (ist für uns keine bzw. die allerletzte Option),
  4. Wir buchen um auf die kürzere Tour, die nur über den westlichen Teil des Canyons führt, und erhalten den Differenzbetrag zur Grand Tour zurück oder
  5. Wir buchen um auf die kürzere Tour, erhalten die gewünschten Front Seat (die nochmal extra kosten) sicher und erhalten den noch übrigen kleinen Differenzbetrag zurück.

Wir entscheiden uns „natürlich“ für Option 5.

Es zahlt sich also aus, dass ich Sandy gedrängelt hatte. Denn wären wir nur 5 Minuten später dran gewesen, wären die Front Seat nicht mehr erhältlich gewesen. Denn die nächsten Besucher am Counter sind ebenfalls auf die Grand Tour eingebucht und erhalten daher die gleichen Auswahlmöglichkeiten – bis auf Option 5.

Wir nehmen im Wartebereich Platz und harren der Dinge, die da kommen. Unsere „Mitreisenden“ – so stellt sich heraus – sind ebenfalls Deutsche, mit einem jungen Pärchen kommen wir ins Gespräch. Sie sind im Wohnmobil unterwegs und fahren „unsere“ Strecke, nur in die andere Richtung. Sie sind zum ersten Mal in der Gegend und erst seit wenigen Tagen unterwegs. Der Grand Canyon ist ihr erster Nationalpark und sie haben ihn noch gar nicht gesehen. Wir plaudern also eine Weile, als dann eine deutsche Reiseleiterin dazukommt und uns erzählt, dass sie bestimmt schon 100 Mal hier war, den Canyon aber noch nie so klar gesehen hat. Durch das Unwetter ist die Luft so rein, dass man ewig weit gucken kann. Sandy bestätigt das, obwohl sie ja auch zum ersten Mal da ist. Aber sie hat schon recht, im TV sah alles immer sehr diesig aus. Wir haben also mal wieder Glück.

Dann wird ein Film mit Sicherheitsvorkehrungen abgespielt und wir müssen zugucken und erhalten dazu eine Schwimmweste bzw. irgendsowas in der Art. Ich zu Sandy: „Was glaubst du, jetzt mal so rein theoretisch, wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass wenn wir über dem Grand Canyon abstürzen, wir ausgerechnet im Colorado River landen?“ Sie so: *pruuuust* Hmmm… 1:1.000.000???“

Dann geht es nach Draußen, wo wir unseren Piloten kennen lernen und einsteigen. Ich steige als erste ein und sitze daher vorne in der Mitte, Sandy hat den rechten Platz und der Pilot sitzt links von mir. Sandy hat somit das Frontfenster und das Seitenfenster, um Fotos zu machen.

Nachdem alle angeschnallt sind, heben wir ab. Es ist ein seltsames Gefühl, als der Helikopter nach vorne „kippt“ und Fahrt aufnimmt. Das Frontfenster reicht bis unter unsere Füße, wir können also – wenn wir wollen – fast senkrecht nach unten schauen (nicht unbedingt empfehlenswert). Ich hatte ja etwas Bedenken in Bezug auf mögliche Luftkrankheit, aber mein Magen zeigt sich erneut als doch recht stabil, und auch Sandy zeigt kein Zeichen von Übelkeit oder Unwohlsein.

Wir fliegen Richtung Nordwesten. Rundum Wolken, dazu Regen und heftiger Gegenwind. Aber unser Helikopter hält tapfer durch und kämpft sich weiter. Der prasselnde Regen auf der Frontscheibe erhöht nicht gerade den Durchblick und ich befürchte, dass es mit Bildern Essig sein kann, wenn es so weitergeht.

Die Sicht nach vorne hält sich sehr in Grenzen…

Unterdessen hat der Pilot ein Tonband eingelegt, und so hören wir über die Kopfhörer Informationen über die Gegend, die Historie und über den Canyon. Dazu gibt es eine Hintergrundmusik.

Wir nähern uns der Bruchkante, und in dem Moment, als wir sie überfliegen und der Helikopter nach unten sackt, erklingt die Eröffnungssequenz des bombastischen „Also sprach Zarathustra“. Ein irres Gefühl!

(Quelle: youtou.be)

Langsam nähern wir uns der Nordkante des Canyons, wo wir eine Schleife fliegen und parallel zur Hinfluglinie zurückkehren. Immer noch wechseln sich Regenschauer und kurzer Sonnenschein ab. Und wir erleben etwas, was man nur bei diesem Wechselwetter erleben kann: ein Regenbogen nach dem anderen erscheint!

Sandy bekommt mal wieder Krämpfe in ihren Auslösefinger, bei mir hält sich die Fotografierwut in Grenzen, da die beste Sicht für Fotos aus den Seitenfenstern ist und ich da entweder den Piloten oder aber Sandy im Bild habe. Das stört mich aber weniger – schließlich habe ich sie als Haus- und Hoffotografen mitgenommen, da darf sie sich austoben und ich in Ruhe genießen.

Nach 45 Minuten drehen wir eine letzte Schleife über dem Flughafen…

und setzen dann gefühlvoll am Parkplatz der Helikopter ab. Noch ein Posing am Heli nach dem Aussteigen (das Foto haben wir aber – mal wieder – nicht gekauft), dann dürfen wir die Sicherheitswesten ausziehen und sind fertig.

Das Erlebnis kurz zusammengefasst in einem Bild: Helikopter, Regenwolke, Sonnenschein und Regenbogen

Wir sind noch ganz geflasht. Ein supertolles Erlebnis, das ich nicht missen möchte und das ich jedem Grand Canyon-Besucher empfehlen kann. Es ist jeden Cent wert, den es kostet.

Wir warten auf das Shuttle, das uns abholen soll, das aber nicht kommt, weshalb ich am Counter nachfrage. Ein kurzer Anruf im Aviationgebäude, und kurz darauf steht unser Transporter bereit.

Auch unser Fury wartet immer noch brav auf seinem Stellplatz. Wir fahren weiter gen Süden, nächster Haltepunkt ist Williams, eine kleine Stadt mit Wildwest-Feeling, in der wir in einem Bed & Breakfast übernachten werden.

Auf dem Weg nach Williams

Das Sheridan House befindet sich ganz am Ende der Straße am Berg, das bedeutet wieder Koffer schleppen.

Das Sheridan House

Unsere Gastgeberin erwartet uns schon und zeigt uns unser Zimmer. Klein, aber fein, mit vielen kleinen Extras, die man gar nicht erwartet. Wer hat schon extra dunkle Handtücher im Bad liegen mit dem Vermerk „Zum Makeup-Entfernen“?

Nachdem wir uns eingerichtet haben, fragen wir Claire, unsere Gastgeberin, nach einem Restaurant-Tipp, worauf sie uns das „Red Raven“ in der Hauptstraße empfiehlt. Wir geben also die Adresse Historic Route 66 No. 135 ein in unser Navi und machen uns auf den Weg. Das Problem ist: unsere Tussi kennt mal wieder die Adresse nicht. Na ja, so schwer kann es ja nicht sein, schließlich gibt es nur eine Hauptstraße, die allerdings zweigeteilt ist (da jeweils Einbahnstraße). Was soll ich schreiben? Es ist stockfinster. Die Häuser haben keine Hausnummern. Und wir finden keine Reklame mit „Red Raven“. Dazu fängt es wieder an zu regnen ohne Ende. Kurz: wir finden dieses doofe Restaurant nicht!

Das Ende vom Lied ist, dass wir erneut das Lokal mit dem M aufsuchen und dort den schlechtesten und kältesten Burger unserer beiden US-Trips zu uns nehmen. Immerhin, wir haben etwas im Magen, und damit ist unsere Nachtruhe wenigstens gesichert.

Es herrscht himmlische Ruhe „zuhause“, wir scheinen völlig alleine im Haus zu sein – da allerdings drei Autos vor dem Gebäude parken, ist dies offensichtlich nicht der Fall. Müde und erschöpft fallen wir ins Bett. Gute Nacht!

zurück: 27. September 2016

weiter: 29. September 2016